Das „Epizentrum“ – besetzte Häuser Lindengasse 60 und 62 – eine Zusammenfassung | Wien 28.10.2011

Juristisches

Eigentümer der Bauten und Grundstücke in der Lindengasse 60-62 ist die BUWOG (Bauen und Wohnen Gesellschft GmbH; Firmenbuchnummer 123812b; Hietzinger Kai 131, 1130 Wien) wie aus einem Grunduchauszung vom 25.10.2011 hervorgeht. Die BUWOG plant die Errichtung eines Neubaus mit dem Namen „7central“. Enstehen sollen 66 freifinanzierte Eigentumswohnungen, das Investitionsvolumen soll 21,1 Mio. € betragen (Quelle: Präsentationsunterlagen der Hauptversammlung der Immofinaz AG 2011).  Der Flächenwidmungs- und Bebauungsplan (Plandokument 7965) wurde per Gemeinderatsbeschluß am 30.05.2011 entsprechend geändert, für die betroffene Fläche wird Bauklasse IV festgesetzt (maximale Bauhöhe 18 m). Mit dem Bau will die BUWOG im Frühjahr 2012 beginnen, die Fertigstellung ist 2013.

Für die Aktitektur zeichent das Achitekturbüro DTA (duda, testor. architektur zt gmbh) verantwortlich. Eine Verwendung des dort vorhandenen Bildmaterials in diesem Blog wurde dem Author nach vorhergeheder Anfrage ausdrücklich untersagt. Im Gegensatz zur BUWOG gibt DTA den Baubeginn bereits mit 2011 an. Die Wohnutzfläche wird dort mit 5.300 Quadratmetern beziffert.

Eine Baugenehmigung durch die MA 37 (Baupolizei) gibt es noch nicht, das Verfahren ist im Laufen, so die Auskunft des Pressesprechers der BUWOG.
Ein Blick auf die Fassade des Gebäudes Lindengasse 60 (vom 17.10.2011):

Die Besetzung und Reaktionen

Am 14.10.2011 werden die Gebäude von einem Kollektiv besetzt. Dies geben die Besetzer auf ihrer website bekannt. Umgehende Reaktionen von der medial stark angeschlagene Baugesellschaft (Stichwort Untersuchungsausschuß) gibt es bei meinem ersten Besuch am 17.10. lt. Auskunft der Besetzer (noch) keine. Dass die BUWOG derzeit einen schweren Stand hat, wissen die Besetzer und drücken dies spöttisch in einem Transparent aus. 

Und aus den „freifinazierten Eigentumswohnungen“ werden „Mietfreie Wohnungen“.

Beim zweiten Besuch am 25.10.2011 hat sich im Epizentrum vieles verändert. Was als erstes in’s Auge springt sind die vielen Graffitis, die die Häuser nun verzieren. Sowohl auf der Fassade als auch innerhalb des Gebäude gibt es eindrucksvolle Kunstwerke zu betrachten.

In der Volxküche herrscht Hochbetrieb, Grafitti-Künstler sind vor Ort, im zweiten Gebäude hängt eine Fotoausstellung von einer Safari-Reise, zwei Künster sind dabei ein Atelier einzurichten und sympatisierende Menschen bringen Möbel vorbei.

Was die Besetzer jedoch enorm ärgert ist ein Bericht der Zeitung „heute“, und es ist wohl kein Zufall, daß dieser direkt neben einem Auschnitt der „Bild“ hängt auf dem die „100 besten Witze“ versprochen werden.

Zuspitzung der Lage

In dem Artikel „Was machen Kinder in einem Abbruchhaus?“ wird den Besetzern vorgeworfen, ihre Kinder unnötig Gefahren auszusetzen, sie in einem Abruchhaus spielen zu lassen. Dies ruft promt Mitarbeiter der MA 11 (Jugendamt) auf den Plan, die bei einem Besuch feststellen, daß dort keine Kinder wohnen.

Die Besetzer erläutern, daß das „Belegbild“ an einem Tag zustande gekommen ist, an dem Anrainer bzw. Menschen von „außen“ eingeladen waren, und einige hatten ihre Kinder dabei.

Trotzdem legt „Heute“ am Folgetag noch ein Schäuferl nach. In dem Artikel wird das Haus als „Ruine“ bezeichnet, die Besetzer als „Anarchos“ und „Chaoten“ – Gratis-Qualitätsjournalismus aus der U-Bahn.

Am 27.10. kommen Mitarbeiter von Wien-Gas. In einem Tweet liest sich das folgendermaßen: „Feuerwehr, Polizei und Wien Gas vor den Toren !!!!! #epizentrum #occupybuwog #polizei“  – Pressesprecher Brey erläutert am Telefon: auf einem Bild das im Internet gefunden wurde (nicht von mir) ist ein Schild zu sehen,  auf dem (sinngemäß) steht, daß Rauchen hier (im sog. Kost-Nix-Laden) verboten sei, da Gas austritt (In einem Interview des Magazins Vienna Online erklärt er später hingegen (31.10.2011), daß er sich in’s offene Haus geschmuggelt hatte und ein selbstgemachtes Rauchverbots-Plakat der Besetzer mit einer entsprechenden Gaswarnung gesehen hatte.)

Wie auch immer: dies ist der BUWOG  zu gefährlich, deshalb die Bitte an Wien-Gas, nach dem Rechten zu sehen. Dies macht Wien-Gas umgehend, Mitarbeiter dichten eine Leitung ab und machen Polizei und Feuerwehr klar, dass sie nicht benötigt werden.

Bis tief in die Nach gräbt ein Bagger vor dem Haus die Straße auf, damit auch um auch noch den Haupthahn zum Gebäude geschlossen werden kann.

Hier stellt sich die Frage, warum die BUWOG die undichte Stelle nicht schon früher abdichten ließ. Ist es einfach nicht aufgefallen? War es dem Eigentümer zu teuer, eine defekte Gasleitung zu reparieren, nachdem das Haus sowieso abgerissen werden soll?

Ein (zweites) geplantes Gespräch zwischen Besetzern und BUWOG kommt an diesem Tag nur nach ersten Komplikationen zustande und findet schließlich quasi zwischen Tür und Angel statt: vor dem Eingang zum „Epizentrum“. Ein Kommunikationsproblem: die Einladung der BUWOG wurde an eine falsche email-Adresse geschickt.

Von einer Zwischenutzung will die BUWOG nun nichts mehr wissen – das Haus soll  „geordnet, aber unverzüglich zu verlassen bzw. die Liegenschaft zu übergeben werden“, hält die BUWOG in einem email fest. (Quelle: ORF )
Man werde am Montag „Nachschau halten und für den Fall der Nichträumung die uns geeignet scheinenden Maßnahmen ergreifen“

Der Umschwung der BUWOG ist (nicht nur mir) nicht erklärlich. Verschiebungen im Zeitplan des Neubaus durch die Besetzung hat es bis jetzt keine gegeben, so Herr Brey in einem ersten Telefonat.  Bez. Einsturzgefahr halten die Besetzer fest, daß die Häuser von einem Architekten sowie einem Statiker begutachtet wurde und keine Einsturzgefahr besteht. Und dieser Meinung schließe ich mich nach einem Rundgang durch beide Gebäude an. Spät aber doch haben die Vorlesungen in Statik und Dynamik bei meinem Elektotechnik-Studium Sinn bekommen.

Am 28.10. kommen Mitarbeiter von Wien Energie in den Komplex Lindengasse 60-62 und „drehen den Strom“ bei einem der Gebäude ab. Die Erklärug seitens der BUWOG: Besetzer würden die Mitarbeiter von Wien Energie bei deren Arbeit behindern, abgesehen davon handle es sich de facto um „Stromdiebstahl“ – ein Widerspruch zu der Äußerung im Artikel des „Kurier“ vom 25.10. „Auch Strom- und Gaskosten werden derzeit von der BUWOG übernommen. Brey: „Daran soll es nicht scheitern, das ist keine alltägliche Situation“ steht dort zu lesen.

Wie es weitergeht ist schwer zu sagen – die unerwartete, auch für Medienverteter unangenehme Räumung des Lobmeyr-Hofes ist noch in schlechter Erinnerung.

Für Spannung ist gesorgt. Die Aktivisten haben in einem offenen Brief nochmals ihre Anligen und Ziele fomuliert und laden Medien am 31.10.2011 / 11:00 zu einer Pressekonferenz im „Epizentrum“ ein. – Zu dem Zeitpunkt sollten die Aktivisten das Areal jedoch schon verlassen haben, wenn es nach der BUWOG geht und eine Pressekonferenz dort nicht mehr möglich.

Jedenfalls wurde lt. Mitteilung des „Epizentrums“ das Schild „WOHNGLÜCK GESUCHT? HIER FINDEN SIE ES BALD“

heute Nachmittag von Arbeitern abmontiert.

Der Pressesprecher der BUWOG auf meine Frage, ob mit den „die uns geeignet erscheinenden Maßnahmen ergreifen“ eine Räumung zu verstehen ist: „Das ist Ihre Interpretation“.

Weitere Bilder – 17.10. sowie 25.10. und 26.10.

5 Kommentare

Eingeordnet unter Aktionismus, Foto, Gesellschaft, Wien, Wien - Lokalpolitik

5 Antworten zu “Das „Epizentrum“ – besetzte Häuser Lindengasse 60 und 62 – eine Zusammenfassung | Wien 28.10.2011

  1. Vielen Dank für diesen aufschlussreichen, gut recherchierten und bebilderten Artikel!

  2. Wolfgang

    Vielen Dank für diesen aufschlussreichen, gut recherchierten und bebilderten Artikel!

  3. asd

    KEIN TAG OHNE EPIZENTRUM!!!

  4. Jonas Fleiß

    der beste text bisher – und wohl auch noch länger – zu dieser hausbesetzung und den damit zusammenhängenden umständen bisher!

  5. Pingback: PK im Epizentrum und eine (spannende) Auskunft der MA 37 | Wien 31.10.2011 | Martin Juen Fotografie

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